Mit Vollbild (F11) noch schöner!



1. April

MIRIAM FEUERLEIN/MARTINA WIEMERS

Aprilscherz

Ein Frosch erbittet sich ganz dreist
der Königstochter Hand, das heißt,
er mag wohl eher ihren Mund
und einen Kuss zum Ehebund.
Sie flüstert lächelnd nur: „Ich will“
und lacht dann laut: „April, April!

Was soll ich mit nem Frosch im Bett,
der ist so kalt und gar nicht nett,
nehm lieber König Drosselbart,
und küss ihn leidenschaftlich, zart
auf seinen wunderschönen Mund
jeden Tag zur vollen Stund“

Da sagt der Frosch „April, April!
Königstochter sei mal still
der Drosselbart, der ist zwar cool
doch nichts für dich, denn er ist schwul
er liebt seit langem "Hans im Glück"
nun wein doch nicht, ums Mißgeschick!“








2. April

LOUISE ASTON

Nachtphantasien

Ich liebe die Nacht! Ich liebe die Nacht!
Doch nicht die einsame, trübe!
Nein, die aus seligen Augen lacht,
In flammender Pracht, in Zaubermacht,
Die heilige Nacht der Liebe.

Es mahne der Tod mich, der finstere bleiche,
An das Leben, das lichte, das reiche,
An den heiteren Genius der Welt!
Drum hab ich ein knöchern Beingerippe
Mit Kruzifix und drohender Hippe
In meinem Zimmer aufgestellt.

Fest schau ich es an bei Mondenscheine,
Wenn ich in verzweifeltem Schmerze weine.
Ein kämpfendes Kind der kämpfenden Zeit!
Dann tauml ich empor in wildem Entzücken,
Das Leben noch einmal ans Herz zu drücken,
Bevor es vernichtendem Tode geweiht!

Ja, kühlen in frischen Lebensfluten
Will ich der lodernden Seele Gluten!
Ich will, vor Sünde und Kreuz bewahrt,
Stark durch des eigenen Geistes Ringen,
Mich aus Fesseln und Banden schwingen
Auf zu begeisterter Himmelfahrt!
Albrecht Dürer Memento mei




3. April

AUGUST WILHELM SCHLEGEL

Worte

Conny Niehoff Die Amsel singt am Gartenteich im Apfelbaum ihr Lied









Worte sind nur dumpfe Zeichen,
Die Gemüter zu entziffern,
Und mit Zügen, Linien, Ziffern
lässt sich Wissenschaft erreichen.
Doch seht! Aus des Äthers Reichen
Lässt ein Bild des ewgen Schönen
Nieder zu der Erde Söhnen
Sich in Bild und Ton nun schicken.
Liebe spricht in hellen Blicken,
Liebe denkt in süßen Tönen.

Liebe stammt vom Himmel oben,
Und so lehrte sie der Meister,
Welchen seine hohen Geister
In derselben Sprache loben.
Denn beseelt sind jene Globen.
Strahlend redet Stern mit Stern
Und vernimmt den andern gern,
Wenn die Sphären rein erklingen.
Ihre Wonn ist Schaun und Singen,
Denn Gedanken stehn zu fern.

Stumme Zungen, taube Ohren,
Die des Wohllauts Zauber fliehn,
Wachen auf zu Harmonien,
Wenn die Lieb sie neu geboren.
Angeschienen von Auroren,
Deren Strahlen leis und fern,
Haucht die Lieb aus starrem Kern
Ihre Sehnsucht aus in Liedern.
Und der Sonne Gruß erwidern,
Nur in Tönen mag sie gern.

Töne sind die Kunst der Liebe.
In der tiefsten Seel empfangen,
Aus entflammendem Verlangen
Mit der Demut heilgem Triebe.
Dass die Liebe treu sich bliebe,
Zorn und Hass sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen,
Nur mit heitrer Jugend scherzen.
Sie kann Tod auch, Trauer, Schmerzen
Alles, was sie will verschönen.



4. April
WOLF BIERMANN

Ermutigung

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, lass dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern
- sitzt du erst hinter Gittern -
doch nicht vor deinem Leid.

Du, lass dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wolln sie doch bezwecken
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigezeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid
Caravaggio Vocazione di San Matteo




5. April

Hendrick Danckerts König Karl II. CHRISTIAN FRIEDRICH DANIEL SCHUBART

Der gnädige Löwe

Der Tiere schrecklichstem Despoten
Kam unter Knochenhügeln hingewürgter Toten
Ein Trieb zur Großmut plötzlich an.
Komm, sprach der gnädige Tyrann
Zu allen Tieren, die in Scharen
Vor seiner Majestät voll Angst versammelt waren,
Komm her, beglückter Untertan,
Nimm dieses Beispiel hier von meiner Gnade an!
Seht, diese Knochen schenk ich euch! –
Dir, rief der Tiere sklavisch Reich,
Ist kein Monarch an Gnade gleich! –
Und nur ein Fuchs, der nie den Ränken
Der Schüler Machiavells geglaubt,
Brummt in den Bart: Hm, was man uns geraubt
Und bis aufs Bein verzehrt,
ist leichtlich zu verschenken!





6. April

FRIEDRICH NIETZSCHE

An den Mistral

Mistral-Wind, du Wolken-Jäger,
Trübsal-Mörder, Himmels-Feger,
Brausender, wie lieb ich dich!
Sind wir zwei nicht eines Schoßes
Erstlingsgabe, eines
Loses Vorbestimmte ewiglich?

Hier auf glatten Felsenwegen
Lauf ich tanzend dir entgegen,
Tanzend, wie du pfeifst und singst:
Der du ohne Schiff und Ruder
Als der Freiheit freister Bruder
Über wilde Meere springst.

Kaum erwacht, hört ich dein Rufen,
Stürmte zu den Felsenstufen,
Hin zur gelben Wand am Meer.
Heil! da kamst du schon gleich hellen
Diamantnen Stromesschnellen
Sieghaft von den Bergen her.

Auf den ebnen Himmels-Tennen
Sah ich deine Rosse rennen,
Sah den Wagen, der dich trägt,
Sah die Hand dich selber zücken,
Wie sie auf der Rosse Rücken
Blitzesgleich die Geißel schlägt. –

Sah dich aus dem Wagen springen,
Schneller dich hinabzuschwingen.
Sah dich wie zum Pfeil verkürzt
Senkrecht in die Tiefe stoßen, –
Wie ein Goldstrahl durch die Rosen
Erster Morgenröten stürzt.

Tanze nun auf tausend Rücken,
Wellen-Rücken, Wellen-Tücken –
Heil, wer neue Tänze schafft!
Tanzen wir in tausend Weisen,
Frei – sei unsre Kunst geheißen,
Fröhlich – unsre Wissenschaft!

Claude Monet Cap d'Antibes im Mistral


Eine Blüte uns zum Ruhme
Tanzen wir gleich Troubadouren
Zwischen Heiligen und Huren,
Zwischen Gott und Welt den Tanz!
Wer nicht tanzen kann mit Winden,
Wer sich wickeln muss mit Binden,
Angebunden, Krüppel-Greis,
Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,
Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,
Fort aus unsrem Paradeis!

Wirbeln wir den Staub der Straßen
Allen Kranken in die Nasen,
Scheuchen wir die Kranken-Brut!
Lösen wir die ganze Küste
Von dem Odem dürrer Brüste,
Von den Augen ohne Mut!

Jagen wir die Himmels-Trüber,
Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber,
Hellen wir das Himmelreich!
Brausen wir ... o aller freien
Geister Geist, mit dir zu zweien
Braust mein Glück dem Sturme gleich. –

Und dass ewig das Gedächtnis
Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis
Nimm den Kranz hier mit hinauf!
Wirf ihn höher, ferner, weiter,
Stürm empor die Himmelsleiter,
Häng ihn - an den Sternen auf!






7. April









NICO BLEUTGE

leichter sommer

als läge noch eine schicht zwischen ihnen
und dem schmalen streif der küste
traten die wolken hervor, scharf ab-
geschnitten an der unteren kante, oben
ein faltiger riemen, in den die möwen kleine
löcher stanzten. beim nächsten aufschauen
hatte dunst die fläche aufgerauht und der wind
verfing sich in den drahtnetzen
knapp unterm wasserspiegel, die vögel
waren längst verschwunden, der himmel
hielt noch ein weilchen jene luft
die unter ihren flügeln rauschte

dann löste sich die hitze langsam
vom balkon und der blick wurde leichter

von den häusern abgelenkt. die weißen
parabolantennen an den fenstern

fingen schon die ersten lichter an
zu glühen blau und grün verkapselt.

als die augen zwischen den reklametafeln
streunen wollten war es eine rote

plastiktüte in der luft weit oben leuchtend
glitt sie vorbei und gab dem blick nach

und nach halt bis er weich und ruhig
hinter den lidern saß

die mit den broten sprechen, mur-
melnd, versunken. die an den straff
gespannten seilen stehen, sich
die köder stecken, bei nacht. algen
im wasser, rost, der auf den pollern
sitzt. ein warten, schauen auf lampen,
auf die haut. ein licht schütten
schuppige knoten. manch einer boje,
manch einer glutrest, spiritus. und
was sie fallen lassen, nachts, was
aus der hand sich löst, im murmeln,
wenn sie mit fremdem griff so rasch
den kork eintauchen, leuchtpunkte
setzen, kleine strömungssonden

und dann die lampengeschäfte, ihr nach-
gebendes summen, mit der umluft darin

dem leichten steppengeruch. ceylan
leuchtete, -latma, ausstehende nacht-

arbeit. nicht schlafen unter den kabeln, nicht
den pflanzen nachwachsen. glasbüschel

dehnten sich, blattwaben, wandernd, reh-
braun glänzende käfer. ihr staunen noch

schwach, vor den glühgeräuschen. nach-
giebig, tastend, rückten sie vor, noch

ohne schlaf, noch in das laufen vertieft
mit ihren kleinen warmen panzern

nicht mehr im dunkeln, nur den fühlern
nach, durch wirbelnde funken von luft


8. April

ULJANA WOLF

aufwachraum I

ach wär ich nur im aufwachraum geblieben
traumverloren tropfgebunden unter weißen

laken neben andern die sich auch nicht fanden
eine herde schafe nah am schlaf noch nah an

gott und trost da waren große schwesterntiere
unsre hirten die sich samten beugten über uns –

und stellten wir einander vor das zahlenrätsel
mensch: von eins bis zehn auf einer skala sag

wie groß ist dein schmerz? – und wäre keine
grenze da in sicht die uns erschließen könnte

aus der tiefe wieder aus dem postnarkotischen
geschniefe – blieben wir ganz nah bei diesem

ich von andern schafen kaum zu unterscheiden
die hier weiden neben sich im aufwachraum

aufwachraum II

ach wär ich nie im aufwachraum gewesen
taub gestrandet schwankend in der weißen

barke neben andern barken angebunden –
ja das ist der letzte hafen ist der klamme

schlafkanal mit schwarzen schwestern die
als strafgericht am ufer stehn und dir mit

strengen fingerspritzen drohen: tropf und
teufel meine liebe können sie mich hören

und hören kannst du nichts nur diese stille
in den schleusen sanitäres fegewasser das

dich tropfenweise aus dem schlauch ernährt –
als unter deinem bett das meer mit raschen

schlägen dich zurückraubt in den traum von
stern und knebel fern vom aufwachraum


Franz Josef Schäffler Operation





9. April

Willi Holtmann Englischer Adel bei Parforce-Jagd

GOTTFREID AUGUST BÜRGER

Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen

Wer bist du, Fürst, dass ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zertreten darf dein Ross?

Wer bist du, Fürst, dass in mein Fleisch
Dein Freund, der Jagdhund, ungestraft
Darf Klaun und Zähne haun?

Wer bist du, dass, durch Saat und Forst,
Das Waldhorn deiner Jagd mich treibt,
Entkräftet, wie das Wild? –

Die Saat, die deine Jagd zertritt,
Was Pferd und Hund und du verfrisst,
Das alles Fürst, ist mein.

Du hast ja nicht, mit Egg und Pflug,
Den Erntetag durchschwitzt.
Mein ist der Fleiß, das Brot! –

Was? Du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus.
Du raubst! Du nicht von Gott, Tyrann!


10. April

Sarah Kirsch

Legende über Lilja









Ob sie schön war ist nicht zu verbürgen. Zumal
Die Aussagen der überlebenden Lagerbewohner
Sich widersprechen. Schon die Farbe des Haars
Wird unterschiedlich benannt. In der Kartei
Fand sich kein Bild. Sie soll
Aus Polen geschickt worden sein.

Im Sommer ging Lilja barfuß wie im Winter und schrieb
Sieben Briefe.

Sechs drahtdünne Röllchen wandern
Durch Häftlingskittel übern Appellplatz. Kleben
An müder Haut. Stören den Schlaf. Erreichen,
Den man nicht kennt.

Das siebente nahm einer gegen Brot und verriet.

Lilja in der Schreibstube. Lilja unterwegs. Lilja im Bunker.
Schlag mit der Peitsche. Den Namen. Warum sagt sie nichts?
Wer weiß das.
Warum schweigt sie im August, wenn die Vögel
Singen im Rauch.

Einer mit Uniform, Totenkopf am Kragen, Liebhaber
Alter Theaterstücke (sein Hund mit klassischem Namen),
Er fand, man sollte ihre Augen reden lassen.

Durch die gefangenen Männer wurde eine Straße gemacht.
Eine seltsame Allee geplünderter Bäume tat sich da auf.
Hier sollte sie gehen, und einen verraten.

Nun brauch deine Augen, Lilja. 'Befiehl
Den Muskeln, dem Blut, Sorglosigkeit. Hier bist du oft
Gegangen, kennst jeden Stein, jeden Stein.

Ihr Gesicht ging vorbei,
Sagten die Überlebenden. Sie
Hätten gezittert. Lilja, wie tot, ging. Ging
Bis der Mann, dessen Hund Hamlet hieß,
Brüllte: "genug".

Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.
Andere Zeugen sagten, sie habe auf ihrem Weg
Alle angelächelt. Sich mit den Fingern gekämmt.
Sei gleich ins Gas gekommen. - Das war
Über zwanzig Jahr her.

Alle sprachen lange von Lilja.

Die Richter von Frankfurt ließen im Jahr 65 protokollieren:
"Offensichtlich
Würden Legenden erzählt. Dieser Punkt
Sei aus der Anklage zu streichen."

In dem Brief soll gestanden haben: "Wir
Werden hier nicht rauskommen. Wir haben zu viel gesehn.




11. April

EVA STRITTMATER

Kolo


Soll ich gehen, soll ich nicht?
Ein paar Tage südwärts fliegen,
Unterm makedonschen Licht
Ohne meinen Schatten liegen?

Wird es mir noch mal gelingen,
Deutsche Häute abzustreifen
Und beim Kolo mitzusingen,
Ohne etwas zu begreifen?

Wenn ich in den Spiegel spähe,
Sage ich mir: lass es bleiben!
Schließlich kannst du aus der Nähe
Dichtend in die Ferne treiben.
Du hast alles schon genossen
Und gesehen und geliebt.
Deine Jugend ist verflossen.
Wohl dem, der sich drein ergibt.

Wie ich so vernünftig denke
Und bewusst Entschlüsse fasse,
Tauche ich in meine Schränke
Und probiere, ob er passe,

Den verwegen roten Rock,
Den ich letztes Jahr getragen.
Und ich denke: mit dem Stock
Sollte man dich Alte schlagen.


ERWIN STRITTMATER

Klipper, klapp, Klipper, klapp,
geht mein kleines Pferd.
Zuckeltrab, auf und ab
Geht mein kleines Pferd.
Das Leben ist kurz und der Fuhren sind so viel, so viel.
Das Leben ist kurz und die Fuhren sind so viel.


Eva und Erwin Strittmater



EVA STRITTMATER

Analyse

Als ich dreißig wurde, habe ich
Ein Fest für Freunde gegeben.
Jetzt werde ich ohne Reklame alt
Und analysiere mein Leben.
Zweiundvierzig: und was bleibt als Bodensatz
Zurück aus vergangenen Jahren?
Hat wohl die Welt von mir durch mich
Etwas für sich erfahren?
War ich ein Sender oder nur
Das Echo fremder Töne?
Hab ich geschrieben, weil ich muss,
Oder mich nur ans schöne
Gewerbe angehängt, weil es der Zufall brachte,
Dass mich ein Mann zu seiner Frau
Und literarisch machte?
Das meiste an uns ist geheim.
Die Wurzeln sind verborgen:
Seit dreißig Jahren schreibe ich,
Und nicht seit heut und morgen.
Ich schreibe, wie ich existiere:
Vegetativ. Ich treibe kein
Bedarfsgerechtes Kunstgewerbe.
Schreiben ist meine Form von Sein.




12. April

HEINZ ERHARDT

Drei Bären

Ein Brombär, froh und heiter, schlich
Durch einen Wald. Da traf es sich,
Dass er ganz unerwartet, wie's
So kommt, auf einen Himbär stieß.

Der Himbär rief - vor Schrecken rot -:
"Der grüne Stachelbär ist tot!
Am eignen Stachel starb er eben!"
"Ja", sprach der Brombär, "das soll's geben!"
Und trottete - nun nicht mehr heiter
Weiter . . .

Doch als den "Toten" er nach Stunden
Gesund und munter vorgefunden,
Kann man wohl zweifelsohne meinen:
Hier hat der andre Bär dem einen
'nen Bären aufgebunden!





Polyglott

Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
In das die Maus vor kurzem kroch,
Und denkt: "Da wart nicht lang ich,
Die Maus, die fang ich!"

Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
"Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
Ich bleibe drinnen!"

Da plötzlich hört sie - statt "miau"
Ein laut vernehmliches "wau-wau"
Und lacht: "Die arme Katze,
Der Hund, der hatse!

Jetzt muss sie aber schleunigst flitzen,
Anstatt vor meinem Loch zu sitzen!"
Doch leider - nun, man ahnt's bereits
War das ein Irrtum ihrerseits,

Denn als die Maus vors Loch hintritt
Es war nur ein ganz kleiner Schritt
Wird sie durch Katzenpfotenkraft
Hinweggerafft! --

Danach leckt sich die Katz die Pfote
Und spricht mit der ihr eignen Note:
"Wie nützlich ist es dann und wann,
Wenn man'ne fremde Sprache kann . . . !"

13. April

TOBEDIAS DANGER

Mit dir

Lass uns weitergehen und die Stadt bleibt hinter uns stehen.

Die Stadt macht Jagd.
Stellt ihre Fallen.
Will uns einfangen.

Und wir laufen hinfort.
Wissen nicht wohin.
Hier da oder dort?
Hier da oder dort?

Einfach treiben lassen.

Lass uns weitergehen und die Stadt bleibt hinter uns stehen.

Ich kann es nicht mehr leugnen.
Ich freu mich, ja ich freu mich.
Alle Wälder und alle Wiesen.
Mit dir zu begehen.









14. April

WALTER MOSSMANN

Lied für meine radikalen Freunde

Dieses Lied ist für Ann-Marie,
wir haben zusamm'n demonstriert, als die
Polizei mit Gasgranaten schoss
und wir waren doch waffenlos.
Im Knastwagen saß ich ziemlich allein,
aber sie schlich sich zu mir rein,
dann kamen andere Arm in Arm,
Mensch wurde mir da plötzlich warm!
Zuviel Gefangene war'n zuviel
für's Räuber- und Gendarmenspiel,
ein' Rädelführer hau'n die zu Brei -
für Hundert war kein Kittchen frei!
Dir Ann-Marie dank ich den ersten Schritt,
nur wegen Dir kamen andere mit,
was Du getan hast ist radikal
- ach wär's doch normal!



Dieses Lied ist für Gustaf auch,
er hat ein Holzbein und ein dicken Bauch,
liebt Kaiserstuhlwein noch mehr als ich
drum geht er nicht korrekt auf'm Strich.
Er ist ein Rundfunkredakteur,
ich sage Euch, der Job ist schwer,
jedenfalls wenn's um die Wahrheit geht,
weil die dort im Giftschrank steht.
Gustaf ließ uns an's Mikrofon,
wir war'n zu deutlich, das reichte schon,
also war seine Karriere kaputt
- was kriegte der Mann auf den Hut!
Du Gustaf hast mal was riskiert,
bloß dass der Rundfunk informiert,
was Du getan hast ist radikal
- ach wär's doch normal!

Dieses Lied ist für die Miriam,
die sah damals Fotos aus Vietnam
und wußte, in Hamburg, fern vom Schuss,
was man gegen Krieg machen muss.
Wir brachten Ihr nachts einen Deserteur,
hinter dem war die NATO her,
sie fragte ihn nicht mal, wie er heisst,
hat ihn nach Schweden geschleust.
Ich hoff', sie wurde niemals gefasst,
für solche Taten gab's nämlich Knast,
die Kriegsverbrecher aus Washington
war'n auch am Ruder in Bonn.
Dir Miriam blüht kein Friedenspreis,
den pflückt ein Gangster, der Bomben schmeisst:
Was Du getan hast, ist radikal
- ach wär's doch normal!


Dieses Lied ist für die Barbara,
die war in Whyl von Anfang an da,
muss doch drei Kinder versorgen und hat
ein' Job im Büro in der Stadt.
Als unser Auto samt Megaphon
gesucht wurde wegen Agitation
sagte sie nur: "Ein klarer Fall!
Den Käfer versteck' ich im Stall."
In ihrer Herberge war Platz
trotz aller Terroristenhatz.
Unser VW saß friedlich im Heu
und Esel und Ochs war'n dabei!
Du Barbara hast nicht Worte gemacht,
sondern geholfen und laut gelacht:
was Du getan hast, ist radikal
- ach wär's doch normal!

Dieses Lied ist für Alfred aus
einem gelben Gewerkschaftshaus,
wo mancher heut die Klappe hält,
damit ihn kein Schießhund verbellt.
Ich hab' ihm gesagt, das ist doch Stuss,
der Unvereinbarkeitsbeschluss
und die Atommafia ist kriminell
- trotzdem lädt er mich ein offiziell!
Er ist nicht käuflich, na Gott sei Dank,
weder von Siemens noch der Deutschen Bank,
irgendwann fliegt er aus seinem Büro,
- das ist Berufsrisiko!
Dir, Alfred, verzeih'n sie doch nie,
Deine Lust an der Demokratie,
was Du getan hast ist radikal
- ach tu's doch nochmal!


Dieses Lied ist für George Brassens,
den Liedermacher aus der Provence,
der liebt die Leut' und 's Katzenvieh
und bisschen die Anarchie.
Er hat mich gelehrt, mich umzuseh'n
statt aufzuseh'n zu lichten Höh'n;
wo über uns sitzen Gesässe aus Stein,
Ärsche mit Heiligenschein.
Aber so um uns rum vis-a-vie
Alfred und Gustaf und Ann-Marie,
Miriam oder Barbara,
die brauchen wir und die sind da!
Ich hab' Euch dieses Lied erzählt,
weil sowas leicht auf den Abfall fällt,
was da so klein scheint und normal
- das ist radikal!



nochn Gedicht