Mit Vollbild (F11) noch schöner!



1. März



CHRISTIAN WIRTH

Ein Schoner am Wind
Insel verschwimmt in der Kimm
Vollkommene Form

Beide geschaffen
nach Plänen Erfahrener
ideal ewig




2. März

GEORG HERWEGH

Reiterlied

Die bange Nacht ist nun herum,
Wir reiten still, wir reiten stumm
Und reiten ins Verderben.

Wie weht so scharf der Morgenwind!
Frau Wirtin, noch ein Glas geschwind
Vorm Sterben, vorm Sterben.

Du junges Gras, was stehst so grün?
Mußt bald wie lauter Röslein blühn,
Mein Blut ja soll dich färben.

Den ersten Schluck, ans Schwert die Hand,
Den trink ich, für das Vaterland
Zu sterben, zu sterben.

Und schnell den zweiten hinterdrein,
Und der soll für die Freiheit sein,
Der zweite Schluck vom Herben!

Dies Restchen - nun, wem bring ich's gleich?
Dies Restchen dir, o Römisch Reich,
Zum Sterben, zum Sterben!

Dem Liebchen - doch das Glas ist leer,
Die Kugel saust, es blitzt der Speer;
Bringt meinem Kind die Scherben!

Auf! in den Feind wie Wetterschlag!
O Reiterlust, am frühen Tag
Zu sterben, zu sterben!





3. März




RAINER DIMMLER

Und heute will ich Blumen denken,
mit Tönen aus dem Weihnachtsbaum,
in meinem Kopf nur Babyflaum,
die ganze große Welt verschenken.

Und meine Liebe voller Sonnenschein,
soll mit den Bienen Nektar naschen,
Musik und Verse in den Taschen,
mit allen Dingen ewig sein.

Und wie die Vögel durch die Lüfte fliegen
und weiße Wolken still am Himmel stehn,
so will ich voller Freude gehn
und alle Menschen zärtlich wiegen.

Noch einmal tanzen mit den Meeren,
noch einmal spielen mit der Luft,
- im Morgengraun den kühlen Duft –
das Leben lieben und verehren.








4. März

WILHELM MÜLLER

Wanderschaft

Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern.
Das muss ein schlechter Müller sein,
dem niemals fiel das Wandern ein, das Wandern.

Vom Wasser haben wir's gelernt, vom Wasser:
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.

O Wandern, Wandern meine Lust, o Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
lasst mich in Frieden weiter ziehn und wandern.





5. März

Menzel: Drei gefallene Soldaten in einer Scheune

HANS-PETER KRAUS

Ein Soldat stirbt nicht

Ein Soldat stirbt nicht,
er wird nicht vergast, nicht verbrannt und nicht zermatscht.
Er krepiert nicht mit herausquellenden Augen und
weitaufgerissenem Maul nach Luft saugend.
Er endet nicht tierisch schreiend und
sich epileptisch am Boden wälzend als lebende Fackel.
Er versucht nicht, schwerverletzt und panisch robbend
den alles zermalmenden Panzerketten zu entkommen.
Ein Soldat hat keine Angst, keine Schmerzen.
Ein Soldat stirbt nicht,
er fällt.



6. März

LUDWIG UHLAND

Der gute Kamerad

Ich hatt einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilts mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt zu meinen Füßen,
Als wärs ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ewgen Leben
Mein guter Kamerad!

Afghanistan 18.02.2011



7. März

Kurth Kemnitzer CHRISTIAN HOFFMANN VON HOFFMANNSWALDAU

Was ist die Welt?

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefassten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht,

Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt,
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.

Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt!

Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last:
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfasst.



8. März

HAFTBEFEHL

Ihr Hurensöhne

069, Azzlack
Baba Haft Motherfuck

Für immer Soll unter Hurensöhne
Im Azzlack-Duden hängt euer Bild
Ihr Hurensöhne, was Beef, lass die Kugeln reden
Klick, ihr Hurensöhne, was Beef, lass die Kugeln reden
Im Azzlack-Duden hängen euer Bild

Schluss mit lustig, das 's Pitbull-Rap
Besser ist es, du duckst dich jetzt
Zeig deine Eier, du Pussycat
Fick eins gegen eins, wer hat Lust auf Russisch Roulette?
Koch das Schnupf zu Crack, Tatort: Mainpark Hermann-Steinhäuser
Cousin, schmeißt den Gasherd an
Von der Straße für die Straße à la Baba H
Kanakis und Blockplatin waren nur Sparring, Chab
Habt ihr wirklich gedacht, Haft hat vergessen, woher er kommt?
Alles kleine Bushidos, so war die Lage, bevor er kam
Koksdealer, trägt Knopfhose von adidas
Jetzt wird's haram, Dadash, gib dir den Klassiker

Barbara Padron Hernandez



9. März

Henri Manguin

KLABUND

Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,
dein Lächeln, das mich streifte,
dein Blick, der mich umarmte,
dein Schoß, der mich erwarmte,
dein Arm, der mich umschlungen,
dein Wort, das mich umsungen,
dein Haar, darein ich tauchte,
dein Atem, der mich hauchte,
dein Herz, das wilde Fohlen,
die Seele unverhohlen,
die Füße, welche liefen,
als meine Lippen riefen –:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
wüsst’ nicht, was mir das liebste wär’,
und gäb’ nicht Höll’ noch Himmel her:
eines und alles, all und eins.




10. März

Kurt Tuch Venus, die Schaumgeborene

JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER

Als er ihretwegen einen schweren Traum hatte

Lass mich schlafen, Eleonore!
Willst du nicht zufrieden sein,
Dass ich mich am Tage quäle,
Und mein Herz viel tausend Pein

Deinetwegen muss ertragen?
Soll mich noch ein Schattenspiel
Mit verliebten Träumen plagen?
Engelskind, das ist zu viel!

Können selbst die ärmsten Sklaven,
Wenn das Schiff vor Anker liegt,
Bei der Nacht doch ruhig schlafen,
Ich allein schlaf unvergnügt;

Auch die Nacht kann mich nicht schützen,
Denn mein Herz erfährt dabei,
Dass es muss erbärmlich schwitzen:
Tag und Nacht ist einerlei.

Wenn der überhäufte Kummer
Meinen schwachen Gliederrest
Ganz zuletzt in einem Schlummer
Auf das Bette sinken lässt,

Darf ich zwar zum Himmel steigen,
Welcher deinen Schoß umschleußt,
Weil dein gütiges Bezeigen,
Mir im Traum die Leiter weist.

Und bei meinem süßen Schlafen,
Wenn sich Mast und Segel regt,
Läuft mein Schiff in deinen Hafen,
Den die Venus angelegt.

Ich beschiff bei Sturm und Blitzen
Diese neugefundne Welt,
Wenn die Wellen um mich spritzen,
Und der Schaum ins Bette fällt,

Land ich, eh ich michs versehe,
Bei den Zucker-Inseln an,
So dass ich sie in der Nähe
Halb entzückt besteigen kann.

Wenn ich mich in Träumen paare,
Find ich keinen Widerstand,
Den ich oft bei Tag erfahre.
Denn im Schlaf darf meine Hand

Nach den Purpurmuscheln greifen,
Die dein Ufer ausgesät.
Ja, ich darf noch weiter streifen,
Weil mir alles offen steht.

Aber, ach! wenn ich erwachet,
Sinket mir mein steifer Mut.
Ob ich gleich im Schlaf gelachet,
Und es mir noch sanfte tut.

Denn die Glieder sind zerschlagen,
Und der ausgebrochne Schweiß
Stehet, dass ichs kaum mag sagen,
Auf dem Leibe tropfenweis.

Drum so stelle, liebste Seele,
Künftig hin dein Martern ein.
Da ich mich am Tage quäle,
Lass die Nächte meine sein.

Sich am bloßen Schatten laben,
Ist ein Eis, das bald zerbricht.
Was ich nicht kann wachend haben,
Mag ich auch im Traume nicht.


11. März

THOMAS PYRIN

Quantenselbstmord



Nun stand er da vor dem finsteren Hades
Der Entdecker des Feuers, der Erfinder des Rades
Des Lebens Lebenspartner und vermeintlicher Bräutigam
Verzweifelt stand er vor seinem Teilchenbeschleuniger
Was hatte er getan? Er vermisste sein Haus
Wissen ist Macht und er hatte sein Wissen missbraucht
Er eroberte den Planeten und vermehrte sich intensiv
Schaffte Gleichnis und verzerrte sie zu Herrschaftsideologie
Suchte Wissen in der Natur und schuf die Biologie
Schuf ein System aus Worten namens Philosophie
Der Mensch erklärte sich die Welt anhand von Zahlen und Variabeln
Und analysierte ihren physikalischen Rahmen
In der Welt der Quanten fand er die andere Ordnung
Und statt zu beten widmete er sich der Stammzellenforschung
Sah das Ganze im Detailchen, vergewisserte sich
Je mehr er wusste, desto näher kam sein Wissen dem Nichts
Und er kämpfte sich tapfer durch jede Leidensepoche
Hatte mehr Krankheiten geboren als er zu heilen vermochte
Und just als er merkte, dass dieser Planet ihm nicht gehört
Hatte er wahnsinnigerweise seinen Lebensraum zerstört
Nun stand er vor dem Nichts im Rausch seiner Lüge
Und er bohrte ein Wurmloch ins Raum-Zeit-Gefüge
Es gähnte und zog ihn in seine krönende Klappe
Die Lösung der Sache, weil er keine andere Möglichkeit hatte
Er versank in Dimensionen, verlor an Größe und Masse
Und er traf die achteinhalb Leben von Schrödingers Katze
Er wanderte durch alles und landete im Nichts
Er entspannte sich und nutzte sein gedankliches Geschick
Und schon kam das Universum aus seinem Geiste gekrabbelt
Und er schuf den Menschen nach seinem eigenen Abbild
Er schuf das Meer, schuf den Morgen, schuf den Abend und das Ufer
Und er schoss sich in den Kopf, als er sah, dass es gut war


12. März

Wolfgang Mattheuer Die Flucht des Sisyphos

HEINZ KAHLAU

Wie viel Erschütterungen erträgt ein Mensch?

Als ich elf Jahre alt und Hitlerjunge war,
Fielen die Bomben auch auf meine Stadt.
Ich war erschüttert, denn mir wurde klar,
Dass dieser Krieg nur Tod zu bringen hat.

Als ich verführt zum Heldentum und vierzehn war,
Ging mein Verführer drauf, der Krieg hielt an.
Ich war erschüttert, weil ich nicht verstand,
Wie man so lange siegen und so schnell verlieren kann.

Als ich dann eines Tags nach Sachsenhausen kam,
Erfuhr ich alles über die SS, und ich erschrak.
Zu viele sagten, keiner hätt's gewusst –
Und es war nicht nur Dunkel hier, es war auch Tag.

Mit fünfundzwanzig war ich Kommunist,
Als man dem toten Stalin ein Gericht gemacht.
Ich war erschüttert, denn zum zweiten Mal
Erfuhr ich von dem Missbrauch großer Macht.

Fünf Jahr danach, am dreizehnten August,
Zog man die Grenze quer durch meine Stadt.
Ich war erschüttert, weil ich plötzlich sah,
Dass man sie auch nach innen nötig hat.

Noch bin ich jung und möchte meine Zeit
Am Leben bleiben, wie wohl jedermann.
Ich bin erschüttert, denn ich frag mich,
Wie viel Erschütterung ein Mensch ertragen kann.



13. März

PAUL CELAN

Gauner- und Ganovenweise des Paul Celan

Damals, als es noch Galgen gab,
Da, nicht wahr, gab es
Ein Oben.

Wo bleibt mein Bart, Wind, wo
Mein Judenfleck, wo
Mein Bart, den du raufst?

Krumm war der Weg, den ich ging,
Krumm war er, ja.
Heia.

Krumm, so wird meine Nase.
Nase.

Envoi - Transport - Judentransport

Aber,
Aber er bäumt sich, der Baum.
Er,
Auch er
Steht gegen
Die Pest.




Pieter Breughel Die Elster auf dem Galgen



14. März

HUGO VON HOFMANNSTHAL

Was ist die Welt?

Jørgen Roed Ein Künstler bei der Rast auf der Wanderung


Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,

Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.




15. März

ERNST JANDL

Lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!











ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott





16. März
ARNO hOLZ

Unvergessbare Sommersüße

Rote Dächer!

Aus den Schornsteinen,
Hier und da
Rauch;
Oben, hoch, in sonniger Luft,
Ab und zu Tauben!

Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrickers Garten her
Gackert
Eine Henne;
Bruthitze
Braselt;
Die ganze Stadt ... riecht nach Kaffee.

Dass mir doch dies alles noch so lebendig geblieben ist!

Ich bin ein kleiner achtjähriger Junge,
Liege,
Das Kinn in beide Fäuste,
Platt auf dem Bauch
Und
Kucke durch die Bodenluke.

Unter mir ... steil, der Hof ... hinter mir,
Weggeworfen,

Ein Buch.

... Franz Hoffmann ...

»Die Sklavenjäger«.

Wie still das ist!

Nur drüben,
In Knorrs Regenrinne,
Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
Irgendwo ein Mann, der sägt, Und,






Dazwischen,
Deutlich von der Kirche her,
In kurzen Pausen regelmäßig hämmernd,
Der Kupferschmied Thiel. Wenn ich unten runter sehe,
Sehe ich gerade auf Mutters Blumenbrett. Ein Topf Goldlack,
Zwei Töpfe Levkojen, eine Geranie,
Fuchsien
Und,
Mittendrin,
Zierlich, in einem Zigarrenkistchen,
Ein Hümpelchen Reseda.

Wie ... das ... riecht!
Bis
Zu ... mir ... rauf!

Und
Die ... Farben ... die
Farben!

Jetzt!

Wie der Wind drüber weht!
Die
Wunder-,
Wunder-, wunder-
... schönen ...
Farben!

Nie ... blinkten ... mir
Schönere!

Ein halbes Leben,
Ein
Ganzes Menschenalter
Verrann!

Ich
Schließe die Augen.

Ich
Sehe sie ... noch immer!





17. März

STEFAN PÖLT

Verfolgungsjagd



TenTen Loch auf der Autobahn
Sitze wie auf heißen Kohlen
bei einer Verfolgungsjagd.
Kann hier nirgends überholen -
in der Kurve zu gewagt!

Hupe, brülle, zeig den Stinke-
finger Richtung Vordermann,
doch so heftig ich auch blinke,
er bewegt sich nicht rechts ran.

Linkerhand ein steiler Abhang,
rechterhand die Feuerwehr.
Jetzt nur keinen schnellen Abgang,
das wird ungeheuer schwer!

Hintendran ein Helikopter,
wäre der doch endlich weg,
klebt an mir wie ein Bekloppter
bodennah ganz dicht am Heck.

Endlich sind wir angekommen.
Alles steht, ich steige schnell,
noch ganz schwindlig und benommen,
aus dem Kinderkarussell.



18. März

ROSE AUSLÄNDER

Noch bist du da

Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast


Jakob Schikaneder Abend im Garten





19. Januar

ANNA LOUISE KARSCH

Lob der schwarzen Kirschen



Carmen Thiele Kirschen
Carmen Thiele Kirschen
Carmen Thiele Kirschen
Carmen Thiele Kirschen
Des Weinstocks Saftgewächse ward
Von tausend Dichtern laut erhoben.
Warum will denn nach Sängerart
Kein Mensch die Kirsche loben?

Kein Apfel reizet so den Gaum
Und löschet so des Durstes Flammen,
Er mag gleich vom Chineser-Baum
In echter Abkunft stammen.

Der ausgekochte Kirschensaft
Gibt aller Sommersuppen beste.
Verleiht der Leber neue Kraft
Und kühlt der Adern Äste.

Und wem das schreckliche Verbot
Des Arztes jeden Wein geraubet,
Der misch ihn mit der Kirsche rot
Dann ist er ihm erlaubet.

Und wäre seine Lunge wund,
Und seine ganze Brust durchgraben,
So darf sich doch sein matter Mund
Mit diesem Tranke laben.

Wenn ich den goldnen Rheinstrandwein
Und silbernen Champagner meide,
Dann Freunde mischt mir Kirschblut drein
Zur Aug- und Zungenweide.

Dann werd ich ebenso verführt,
Als Eva, die den Baum betrachtet,
So hübsch gewachsen und geziert
Und nach der Frucht geschmachtet.

Ich trink und rufe dreimal hoch!
Ihr Männer singt im Ernst und Scherze
Zu oft die Rebe, singet doch
Einmal der Kirschen Schwärze!




20. März



Johannes Voorhout Allegorie auf die Freundschaft
JOACHIM NEANDER

Der Lobende

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
Meine geliebete Seele, dass ist mein Begehren.
Kommet zu Hauf,
Psalter und Harfe wacht auf,
Lasset die Musicam hören!



21. März

ANDREAS KLEY

Der Schoible

Uff däm Schoible
hockt oin Toible
und däs kackt ihm
gloich uffs Hoible.

Doch där Schoible
groift zum Hoible
und erwischt däs kloine Toible.

Jo, däs Toible,
däs erwischt är.

Denn är ischt
Finanzminischter.
PiTTo Wolfgang Scheuble



22. März

WALTER FLEX

Wildgänse

Wildgänse rauschen durch die Nacht,
Mit schrillem Schrei nach Norden
Unstäte Fahrt! Habt Acht, habt Acht!
Die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,
Graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,
Weit wallt und wogt der Hader.

Wir sind wie ihr ein graues Heer,
Und fahr 'n in Kaisers Namen,
Und fahr 'n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!





23. März

LUDWIG TIECK

Wunder der Liebe

Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig auf in alter Pracht!

Liebe lässt sich suchen, finden,
Niemals lernen oder lehren.
Wer da will die Flamm entzünden,
Ohne selbst sich zu verzehren,
Muss sich reinigen von Sünden.

Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.


Pablo Picasso Das Leben



24. März

FRANZ JOSEF DEGENHARDT

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Spiel' nicht mit den Schmuddelkindern,
sing' nicht ihre Lieder.
»Geh doch in die Oberstadt,
mach's wie deine Brüder«,

1 so sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor.
Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor
und in die Kaninchenställe, wo sie Sechsundsechzig spielten
um Tabak und Rattenfelle -
Mädchen unter Röcke schielten -
wo auf alten Bretterkisten
Katzen in der Sonne dösten -
wo man, wenn der Regen rauschte,
Engelbert, dem Blöden, lauschte,
der auf einen Haarkamm biss,
Rattenfängerlieder blies.
Abends am Familientisch, nach dem Gebet zum Mahl,
da hieß es dann: »Schon wieder riechst du nach Kaninchenstall.
Spiel' nicht mit den Schmuddelkindern,
sing' nicht ihre Lieder.
Geh' doch in die Oberstadt,
mach's wie deine Brüder! »

2 Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt,
kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt.
Lernte Rumpf und Wörter beugen.
Und statt Rattenfängerweisen
musste er das Largo geigen
und vor dürren Tantengreisen
unter roten Rattenwimpern
par cur Kinderszenen klimpern -
und, verklemmt in Viererreihen,
Knochen morsch und morscher schreien -
zwischen Fahnen aufgestellt
brüllen, dass man Freundschaft hält.
Schlich er manchmal abends zum Kaninchenstall davon,
hockten da die Schmuddelkinder, sangen voller Hohn
»Spiel nicht mit den Schmuddelkindern ... «

3 Aus Rache ist er reich geworden.
In der Oberstadt hat er sich ein Haus gebaut.
Nahm jeden Tag ein Bad.
Roch, wie bess're Leuten riechen.
Lachte fett, wenn alle Ratten
ängstlich in die Gullys wichen,
weil sie ihn gerochen hatten.
Und Kaninchenställe riss er ab.
An ihre Stelle ließ er
Gärten für die Kinder bauen.
Liebte hochgestellte Frauen,
schnelle Wagen und Musik,
blond und laut und honigdick.
Kam sein Sohn, der Nägelbeißer, abends spät zum Mahl,
roch er an ihm, schlug ihn, schrie: »Stinkst nach Kaninchenstall.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern ... «

4 Und eines Tages hat er eine Kurve glatt verfehlt.
Man hat ihn aus einem Ei von Schrott herausgepellt.
Als er später durch die Straßen hinkte,
sah man ihn an Tagen
auf ‘nem Haarkamm Lieder blasen,
Rattenfell am Kragen tragen.
Hinkte hüpfend hinter Kindern,
wollte sie am Schulgang hindern
und schlich um Kaninchenställe.
Eines Tags in aller Helle
hat er dann ein Kind betört
und in einen Stall gezerrt.
Seine Leiche fand man, die im Rattenteich 'rumschwamm.
D'rumherum die Schmuddelkinder bliesen auf dem Kamm:
»Spiel nicht mit den Schmuddelkindern ... «
Albert Ludovici Schmuddelkinder

F. S. Syckow




25. März

Marianne von Werefkin Das Gebet CARL EINSTEIN

Gebet

Herr, gewiss bin ich verworfen und
Abtrünnig - da ich Deine
Welt hasse - Doch, Herr, bin ich damit nicht Dein
Treuester Diener, da ich die
Welt hasse - die eine lange Sünde
Gegen Dich ist.
Herr, gib mir einen reinen Willen.



26. Januar

PRINZ CHAOS II/DIETER DEHM

Wir schwören ab!

Wir schwören ab - allen Verschwörungstheorien!
Wir schwören ab!
Verschwörungen auch nur in Betracht zu ziehen!
Wir schwören ab!
Unsere Herrn, wer sie auch sei’n, bitten wir uns zu verzeih’n
Wir schwören ab!
Wenn ein Schurkenstaat verreckt: political correct!

Wir schwören ab!
Und der Kennedy: des war Selbstmord!
Wir schwören ab!
Oliver Stone ist ein russischer Spion
Wir schwören ab!
Und 9/11 des war eben ein Erdbeben
Wir schwören ab!
Oder die Piloten waren Idioten

Patrice Lumumba hatte gar keine Feinde
Cäsars Gemeinde: ziemlich beste Freunde
Caeser musste sich verrenken und bücken
So bugsierte er sich selbst den Dolch in Brust und Rücken

Wir schwören ab!
Ob Tonkingzwischenfall oder Schweinebucht.
Wir schwören ab!
Wenn KenFM dann immer nach Geheimdiensten sucht
Wir schwören ab!
Zwar war’s kein Giftgas, was Georg Bush da fand
Wir schwören ab!
Es war Amerikas Öl im irakischen Sand

Ich schwör ab, du schwörst ab
Der Verschwörungstheorie
Ich schwör ab, du schwörst ab
Verschwörung gab es nie
Fort mit allen Theorien!
Ein Hoch auf unsern Staat
der manche Tiefen hat
in Washington, London, Berlin…

In der Ukraine gibt’s gar keine Faschisten
weil die das sonst beim ZDF längst wüssten.
Die wahrste Wahrheit verkündet Claus Kleber
Eine Pinzette ist ein Wagenheber.
Diesem Mathias Broeckers glaub ich keinen Meter
Ein Ausweis überführte den Attentäter.
Daniele Ganser halte ich für gefährlich
und die NachDenkSeiten für sehr entbehrlich.

Wir bitten Euch: nehmt uns wieder auf!
Wir lassen der Geschichte ab sofort ihren Lauf.
Wir kehren zurück als verlorener Sohn
Niemals überschreiten wir den Rubikon.
Wir schwören ab!









27. März
Carl Spitzweg Begegnung im Wald ACHIM VON ARNIM/CLEMENS BRENTANO

Schwere Brombeeren

Es wollt ein Mägdlein früh aufstehn,
Drei Stündlein vor dem Tag.
Wollt in den grünen Wald naus gehen,
Brombeerlein brechen ab.

Und als sie in den Wald nein kam,
Begegnet ihr Jägers Knecht.
»Ei Mädchen, scher dich weg nach Haus,
Dem Herrn ist das nicht recht.«

Und als das Mädchen heimwärts kam,
Begegnet ihr Jägers Sohn:
»Ei Mädchen, pflück nur ohne Scham,
Einen Schoß voll gönn ich dir schon.«

»Einen Schoß voll den begehr ich nicht,
Eine Handvoll ist mir genug.«
Die Brombeeren standen dicht an dicht,
Sie suchten sie immerzu.

Und als ein halbes Jahr um war,
Die Brombeern wurden groß,
Und als drei viertel Jahr um war,
Saß ein Kindlein auf dem Schoß.



28. März

FREDL FESL

Der Riesenneger im Nieselreg'n

Voa da Liesl iam Kammerfenstal
Steht a Riesenneger im Nieslreng
Dabei wara doch so gern
bei der Liesl im Bett drin gleng ...

Abe dia Liesl hat an andern
der is Fliesenleger drunt in Maftlfing
der hot an Kammerschlüssl von da Liesl
den hot er immer im Schachterl drin

Sagt der Riesenneger zur Liesl
Liesel mit deim Fliesenleger
mochst an Riesenfehler
Dat dei Fliesenleger nur a bissl meng

Wara doch jetzt bei dia
trotz dem Nieslreng
Oder glaubst vielleicht
er wurd nachts Fliesn leng

No so wia i den kenn
wird der bei der Liesel leng
Und wie wir zwoa den kenn
wird der ihr Rohr verleng

Wia die Rosl des von der Liesl hert
drucks auf ihr Tränendrüsn
dass die Tränen rieseln
doch die Trauer dauert hechstens 30 Sekundn

Drauf hots den tiefen Schmerz
ganz trotzi überwunden
Sagt die Fliesenlegerliesl zum Riesenneger
in mei Bed kannst ned
aber auf mein Bedvorleger

Drauf sagt der tropfnasse Riesenneger
drauß im Nieselreng
Liesl zwengs dir dat i mi sogar
nackt aufd Fliens leng

Voa da Liesl ihrm Fenstal
Steht koa Riesenneger mehr im Nieslregn
Doch der Riesenneger wara bleder Neger
liegert echt vorm Bett aufn Bettvorleger
Na der Riesenneger der is gscheid
der denkt heit is Zeit für black and white

Ja der Riesenneger derft's es wissen
liegt nem der Liesl aufm weißen Kissen
Und damit wir uns einig sind
Küssen ist keine Sünd

Jean Leon Gerome Der Neger

Fredl Fesl singt


29. März

GOTTHOLD EPHRAIM LESSING

Der über uns

Edvard Munch Mädchen unterm Apfelbaum





Hans Steffen konnte kaum
Vor Naschsucht noch die Dämmerung erwarten
Und schlich in eines Edelmannes Garten
Und plünderte den besten Apfelbaum.

Johann und Hanne konnten kaum
Vor Liebesglut die Dämmerung erwarten
Und schlichen sich in eben diesen Garten
Von ungefähr an eben diesen Apfelbaum.

Hans Steffen, der im Baume oben saß
Und fleißig pflückt und aß,
Ward mäuschenstill, aus Angst, dass man ihn finge,
Und seine Näscherei ihm diesmal schlecht gelinge.
Doch bald vernahm er unten Dinge,
Worüber er der Furcht vergaß
Und immer sachte weiter aß.

Johann warf Hannen in das Gras.
»O pfui!« rief Hanne »welcher Spaß!
Nicht doch, Johann! – Ei was? –
O, schäme dich! – Ein andermal – o lass –
O, schäme dich! – Hier ist es nass.« –
»Nass oder nicht. Was schadet das?
Es ist ja reines Gras.« –

Wie dies Gespräche weiter lief,
Das weiß ich nicht. Wer brauchts zu wissen?
Sie standen wieder auf und Hanne seufzte tief:
»So, schöner Herr! Heißt das bloß küssen?
Das Männerherz! Kein einzger hat Gewissen!
Und wenn mir nun ein Unglück widerfährt –
Ein Kind – hm – wer ernährt
Mir dann das Kind? Kannst du es mir ernähren?«
»Ich? – Die Zeit mags lehren.
Doch wirds auch nicht von mir ernährt,
Der über uns wirds schon ernähren,
Dem über uns vertrau!«

Dem über uns! Dies hörte Steffen.
Was, dacht er, will das Pack mich äffen?
Der über ihnen? Ei, wie schlau!
»Nein!« schrie er,
»Lasst euch andre Hoffnung laben!
Der über euch ist nicht so toll!
Wenn ich nen Bankert nähren soll,
So will ich ihn auch selbst gedrechselt haben!«

Wer hier erschrak und aus dem Garten rann,
Das waren Hanne und Johann.
Doch gaben bei dem Edelmann
Sie auch den Apfeldieb wohl an?
Ich glaube nicht, dass sies getan.


30. März

BERND STELTER

Als ich so 13, 14, 15 war

Wenn ich zurückdenk an das Jahr,
als ich so 13, 14, 15 war.
Das Telefon das war lindgrün,
man konnt es nicht wer weiß wohin ziehn
weil es an einem Kabel hing.

Im Internet waren wir nie,
wir waren draußen
hatten aufgeschlagene Knie.
Wir haben stundenlang gekickt,
den Fahrradschlauch noch selbst geflickt
die Kumpels nicht nur angeklickt.

Wir sahen gerne Mork vom Ork
hatten Pinnwände aus Kork
und da hingen Fotos dran,
das war unser Instagram.



Ebay gab es noch nicht,
dafür Sperrmüll monatlich
Amazon war analog,
und hieß Quelle-Katalog.

Wir waren nicht tätowiert,
haben keine Wände vollgeschmiert
und wenn doch irgendwie
stimmte die Orthographie.

Smoothie hieß Apfelmus,
Youtube-Star war kein Beruf,
und bevor mich einer fragt:
Pokemon hieß Schnitzeljagd.

We had joy, we had fun,
we had seasons in the sun,
but the hills that we climed
Were just seasons out of time.



31. März

ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF

Blumentod

Wie sind meine Finger so grün?
Blumen hab ich zerrissen.
Sie wollten für mich blühn
Und haben sterben müssen.

Wie neigten sie um mein Angesicht,
Wie fromme schüchterne Lieder.
Ich war in Gedanken, ich achtets nicht
Und bog sie zu mir nieder.

Zerriss die lieben Glieder
In sorgenlosem Mut.
Da floss ihr grünes Blut
Um meine Finger nieder.

Sie weinten nicht, sie klagten nicht,
Sie starben ohne Laut.
Nur dunkel ward ihr Angesicht,
Wie wenn der Himmel graut.

Sie konnten mirs nicht ersparen,
Sonst hätten sies wohl getan.
Wohin bin ich gefahren
In trüben Sinnens Wahn?

O töricht Kinderspiel!
O schuldlos Blutvergießen!
Es gleicht dem Leben viel.
Lasst mich die Augen schließen.

Denn was geschehn ist, ist geschehn,
Und wer kann für die Zukunft stehn?


Philipp Sauerland Vanitas-Stillleben